Unser Verständnis von Frieden und Friedensarbeit

Der christliche Friedensgedanke ist geprägt vom biblischen Begriff des „Shalom“: ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe, Sicherheit – umfassender innerer und äußerer Frieden.

Wo Gewalt herrscht, kann kein Friede sein – weder innerlich noch äußerlich. Friede und Gewalt sind Gegenbegriffe. Zugleich ist zu einem gelingenden Zusammenleben mehr nötig als die Abwesenheit von Gewalt: Zusammenleben gelingt, wenn „Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ (Psalm 85,10). Aus diesem Grund ist „Gerechter Friede“ die angemessene Zielvorstellung von christlicher Ethik und christlicher Zukunftshoffnung.

Wo vom Frieden die Rede ist, treffen die unterschiedlichen Vorstellungen und Lebenserfahrungen der Redenden aufeinander. Deshalb überrascht es nicht, dass der Weg zum Frieden oft strittig ist. Selbst über zentrale Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Gewalt“ ist ein Konsens nicht immer her­zu­stellen. Was als ungerecht und was als verletzend, als Gewalt empfunden wird, ist auch kulturell und persönlich bedingt. 

Der Weg zum Frieden ist ein Prozess der abnehmenden Gewalt und der zunehmenden Gerechtigkeit, der seinen Abschluss im Eschaton finden wird. Auf diesem „Pilgerweg des Friedens und der Gerech­tigkeit“ (ÖRK) dürfen wir aus dem Frieden Gottes leben und uns von ihm inspirieren lassen. Dieser Friede wird uns, wie unsere Gerechtigkeit, nicht durch unsere Werke – auch nicht durch „Friedens­arbeit“ -  sondern allein durch Glauben geschenkt. Wo Gottes Geist des Friedens wirkt, kann man anders und konstruktiver streiten. Der Weg zum Frieden führt über das gemeinsame Gespräch unter Menschen über ihre Vorstellungen von Frieden und Gerechtigkeit.

Der Einsatz für gerechten Frieden wird in unserer Kirche als Querschnittsaufgabe wahrgenommen: Im gottesdienstlichen Handeln wird Gottes Friede vergegenwärtigt und bezeugt, in Seelsorge und Beratung kommen Fragen des Gewissens und des inneren Friedens zur Sprache, in Bildung und Erzie­hung geht es um Persönlichkeitsbildung einschließlich der Fähigkeit zu Verständnis und Empathie und in zahlreichen Veranstaltungsforen werden Fragen des gesellschaftlichen Mit­einanders, des Gedenkens und der Versöhnung, der glo­balen Gerechtigkeit und des interreligiösen Dialogs thema­tisiert.

Eine besondere Herausforderung ergibt sich im Fall eines konkreten Konfliktes. Konflikte können Erkenntnisse und Wachstum ermöglichen, notwendige Klärungen bringen und den Prozess weiter­führen. Sie können aber auch gewaltsam und zerstörerisch ausgetragen werden.

Je mehr unsere Kirche einen konstruktiven Umgang mit konkreten Konflikten vorlebt, desto höheres Gewicht wird ihr Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit in anderen Kontexten haben. Zugleich lässt die Erfahrung, wie schwierig sich mancher Gemeindekonflikt gestaltet, die Schwierig­keiten internationaler Gewaltkonflikte erahnen. Wichtig ist uns das realistische Menschenbild der Bibel: Der Mensch ist nicht nur Geschöpf Gottes und zu seinem Ebenbild bestimmt, sondern existiert faktisch (auch) im Widerspruch zu ihm und ist „zu abgrundtiefer Bösartigkeit und Grausamkeit fähig“ (EKD-DS Nr. 51).

In der friedensethischen und –politischen Diskussion vertreten wir eine verantwor­tungspazifistische Perspektive und nehmen zugleich die Komplexität außen- und weltpolitischer Fragestellungen ernst.

Eine wichtige Aufgabe sehen wir darin, zu einem gesellschaftlichen Bewusstsein beizutragen einer­seits für die zerstörende Wirkung militärischer Gewalt, andererseits für die Notwendigkeit und Chan­cen ziviler Konfliktbearbeitung. So kann „der Frieden vorbereitet werden“ (EKD-DS Nr. 194) durch ein gesellschaftliches Klima, in dem konstruktive und zivile Konfliktbearbeitung als reale Chan­ce verstanden, gelebt und eingefordert wird und Krieg als das gesehen wird, was er ist: Kapitulation vor den Aufgaben des Friedens (Thomas Mann).

Das Bildungskonzept der ELKB weist der Friedenspädagogik hohe Bedeutung zu: „Bil­dung soll der Humanität, dem Frieden und der gerechten Teilhabe aller am Gemeinwesen dienen.“ (S. 6)

Friedensarbeit ist hier gefragt in der didaktischen und methodischen Unterstützung der Bildungs­akteure vor Ort bei Themen wie Gewaltprävention, Zivilcourage, Streitschlichtung, globales Lernen u.a.m..

Darüber hinaus sind politische Stellungnahmen und Aktionen wichtig. Dies scheint uns angesichts der internationalen Rolle Deutschlands vor allem mit Blick auf eine kritische Begleitung der Rüstungs­exportpolitik geboten.

Auch nach der Aussetzung der Wehrpflicht bleibt die Begleitung von Soldatinnen und Soldaten, die ihr Recht auf Kriegsdienstverweigerung aufgrund einer während ihres Dienstes aufgetretenen Gewissensnot geltend machen wollen, eine ebenso wichtige Aufgabe wie der Einsatz für dieses Recht in anderen Ländern.