"Gegen Angst helfen Menschen, die die Zuversicht nähren, dass es trotz dieses Krieges weitergehen kann auf dem Weg zum Frieden"

Angst
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Krieg in der Ukraine, Corona, die Klimakrise – all das löst bei vielen Menschen große Ängste aus. Was man dagegen tun kann – und wie der Glaube in Krisenzeiten Trost und Zuversicht spenden kann, erklärt im Interview die Pfarrerin und Traumafachberaterin Claudia Kuchenbauer.

Interview mit Bettina Ullrich, Redakteurin von Sonntagsblatt 360°EVANGELISCH

In unserer Serie "Zuversicht in der Krise" suchen wir nach Antworten auf diese Fragen – im Gespräch mit Pfarrerinnen, Pfarrern und Expert*innen anderer Fachgebiete. Im dritten Teil unserer Serie spricht die Pfarrerin und Traumafachberaterin  Claudia Kuchenbauer, Leiterin der "Arbeitsstelle kokon" darüber, was gegen Angst helfen kann und welche Bibelstellen ihr derzeit ganz besonders Trost spenden.

Frau Kuchenbauer, der Krieg in der Ukraine macht vielen Menschen große Angst ...

Claudia Kuchenbauer: Täglich neue Nachrichten über das Leid der Menschen im Krieg mitten in Europa. Natürlich löst das Angst aus. Gerade hatten wir noch gehofft, dass die Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen vorüber sein könnte, da beginnt ein Krieg. Das hat doch niemand für möglich gehalten. Die weltweite Absprache, dass kein Land einfach angegriffen wird, wird einfach gebrochen.

"Das erschüttert unser Weltbild, zum zweiten Mal in kurzer Zeit."

Was passiert da mit und in uns?

Kuchenbauer: Das erschüttert unser Weltbild, zum zweiten Mal in kurzer Zeit. Wir werden Zeugen, wie andere ihre Lebensgrundlage, ihre Lieben verlieren, Bilder von Zerstörung und Verzweiflung erreichen uns. Und gleichzeitig steigen bei uns die Preise. Das weckt Sorge, wie die Zukunft aussehen wird. Hinzu kommt: Die wichtigen Entscheidungen treffen andere. Es ist schwer, diese Ohnmacht auszuhalten. Worauf können wir uns verlassen? Wer selbst Kriegserfahrung hat, etwa unsere Eltern und Großeltern, die ab 1943 auch fliehen mussten, oder Ausgebombte und Flüchtlinge aus den anderen Kriegen, für den wird nun das ganze Grauen von damals wieder lebendig. Für Menschen, die von den Nachrichten und Bildern überwältigt werden, fühlt sich die Angst noch einmal ganz anders und überwältigend an.

Wie komme ich aus dieser Angstspirale wieder raus?

Kuchenbauer: Es geht darum, dass ich die Welt und die Krise als etwas begreife, das zu meinem Leben gehört und mich nicht vernichtet, sondern mit anderen verbindet und bereichert. Ich schaffe es, mein Leben in Verbundenheit zu dem, was geschieht, zu begreifen. Die Angst beherrscht mich nicht. Ich kann wahrnehmen, dass ich Angst habe, verstehen, dass es die beunruhigenden, schwierigen Seiten der Wirklichkeit sind, die diese Angst auslösen, und mich gleichzeitig als handlungsfähig erleben.

"Wenn Angst mich beherrscht, atme ich anders als wenn ich ganz ausgeglichen bei mir bin."

Was kann man konkret gegen diese Angst tun?

Kuchenbauer: Ich denke an ein Sprichwort: In der Ruhe liegt die Kraft. Egal, ob ich gestresst, besorgt oder panisch bin – es hilft, zuerst zur Ruhe zu kommen, mich in meiner Mitte zu sammeln. Denn Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Besser ist es, sich einen Moment Zeit für sich zu nehmen. Achtsamkeit ist das Stichwort. Das beginnt mit bewusstem Atmen. Drei Sekunden einatmen und fünf Sekunden ausatmen, das wäre so eine ganz einfache Anleitung, sich mit dem Atem zu sammeln. Denn der Atem ist ein starkes Instrument. Wenn Angst mich beherrscht, atme ich anders als wenn ich ganz ausgeglichen bei mir bin. Also müsste man doch auch mit einer bewussten Veränderung des Atemrhythmus die Angst vertreiben können. Viele Menschen bestätigen das. Sie üben, mit ihrem Atem bewusst zu sich zu kommen.

Leiterin der Arbeitsstelle kokon
Bildrechte: Arbeitsstelle kokon

Claudia Kuchenbauer ist Pfarrerin, Mediatorin und Traumafachberaterin. Sie leitet die "Arbeitsstelle kokon" der bayerischen evangelischen Landeskirche in Nürnberg. Kokon ist die Abkürzung von: "konstruktiv im Konflikt". Die Schwerpunkte der Arbeitsstelle liegen auf konstruktiver Konfliktberatung sowie auf Angeboten zur Friedensbildung.

Für viele ist das ungewohnt, sie wissen womöglich nicht, wie sie damit anfangen sollen: Bewusst zu atmen...

Kuchenbauer: Eine schöne Atemübung habe ich bei der Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Claudia Croos-Müller kennengelernt. Wenn ich einatme und dabei die Luft mit gespitztem Mund wie durch einen Strohhalm sauge und gleichzeitig meine Arme ausbreite, dann beim Ausatmen die Arme wieder zusammenführe und dabei sogar mit vibrierenden Lippen ausschnaube, dann registriert mein Gehirn Kraft und Lebendigkeit und sendet entsprechende Botenstoffe an meine Organe.

Gibt es noch andere Strategien?

Kuchenbauer: Eine andere Möglichkeit, sich gegen den Griff der Angst in Sicherheit zu bringen, ist, sich ganz individuell innere wohltuende Bilder zu schaffen. Das muss man üben, aber dann ist es eine heilsame Möglichkeit, sich zum Beispiel an einen persönlichen inneren Ort zu imaginieren, an dem man sich punktuell sicher fühlt. Dort kann man zur Ruhe kommen. Oder man denkt sich seinen eigenen inneren Tresor aus, in den man die lähmenden Sorgen einsperrt, bis man weiß, wie man damit umgehen kann. Gute Anleitungen für Atemübungen und Imaginationen findet man übrigens im Internet, zum Beispiel auf Youtube.

"In dieser Stille begegnet  Elia Gott, erfährt, dass er ihm beistehen wird."

Inwiefern kann in Krisenzeiten der Glaube Trost spenden?

Kuchenbauer: Menschen können in dieser Ruhe auch Gott finden. Es gibt eine bedeutende Geschichte aus dem Alten Testament, in der der Prophet Elia völlig ausgelaugt vor dem König Ahab, der ihn ermorden will, in eine Höhle flieht. Dort will Gott ihm begegnen, um ihn aufzurichten. Gewaltige Naturphänomene ziehen an der Höhle vorbei: Ein starker Wind lässt Felsen zerbersten, ein Erdbeben bringt Hänge ins Rutschen und ein Feuer verzehrt die wenigen Pflanzen umher. Beängstigend. Aber Gott ist nicht im Sturm. Dem Spektakel folgt ein leises, sanftes Sausen, eine gerade noch wahrnehmbare Luftbewegung. Da ist Gott. Und in dieser Stille begegnet  Elia Gott, erfährt, dass er ihm beistehen wird.

Apropos Beistand. Viele Christ*innen haben derzeit das Bedürfnis nach der Gemeinschaft mit anderen, Friedensgebete sind gerade sehr gefragt...

Kuchenbauer: Es tut gut, mit zuversichtlichen Menschen in Kontakt zu sein. Wenn in den vielen Friedensgebeten Menschen gemeinsam ihrem Vertrauen Ausdruck geben, dass ihre Bitten um Frieden und ein Ende des sinnlosen Leids von einem göttlichen Geist aufgenommen und wirksam verwandelt werden können, dann verbinden sie sich damit gegen die Ohnmacht. Gegen die Angst helfen Menschen, die die Zuversicht nähren, dass es trotz dieses Krieges weitergehen kann auf dem Weg des Ringens um den weltweiten Frieden. Gegen die Angst brauchen wir das Vertrauen, dass die meisten Menschen friedlich miteinander leben wollen und dass sie auch stark genug sind, diesen Weg zu verfolgen.

"Alleine kann man die Angst nicht aushalten. Menschen brauchen Gemeinschaft."

Auch aus der Begegnung mit anderen können wir also Kraft schöpfen?

Kuchenbauer: Alleine kann man die Angst nicht aushalten. Menschen brauchen Gemeinschaft, brauchen die Resonanz von anderen Menschen. Gemeinsam sind wir stark. Das ist der andere Schritt aus der Angst.
Wenn in einem Keller in Kiew ein junger Mann zur Geige greift und spielt, dann zeigt er denen, die mit ihm Schutz suchen: Ihr seid nicht allein. Und sein Spiel motiviert die anderen: Neun junge Geiger spielen mit ihm im Keller. Zusammen spielen sie das alte ukrainische Volkslied "Verbovaya Doschechka". Und dann kommen über das Internet Profis dazu: das London Symphony Orchestra, Tokyo Symphony Orchestra, der Osloer Philharmonie und der Hollywood Studios. Was für ein mächtiges Zeichen gegen die Angst!

Ein mächtiges Zeichen gegen die Angst – was meinen Sie damit genau?

Kuchenbauer: Jede Sorge wird kleiner, wenn man sie teilen kann. Mit Menschen verbunden kann man Herausforderungen ganz anders begegnen. Wenn ich Angst habe und mir Sorgen mache, dann hilft es mir, wenn ich mich jemandem anvertrauen kann, wenn mir jemand zur Seite steht. Und genauso spüre ich meine Stärke, wenn ich jemanden stützen kann.

In der Bibel wird das so ausgedrückt:

"Zwei haben es besser als einer allein, denn zusammen können sie mehr erreichen. Stürzt einer von ihnen, dann hilft der andere ihm wieder auf die Beine. Wie schlecht steht es um den, der alleine ist, wenn er hinfällt! Niemand ist da, der ihm wieder aufhilft! Wenn zwei in der Kälte zusammenliegen, wärmt einer den anderen, wie sollte einer allein warm werden? Einer kann leicht überwältigt werden, doch zwei sind dem Angriff gewachsen. Man sagt ja auch: "Ein Seil aus drei Schnüren reißt nicht so schnell!" (Prediger 4.9-12)

In Resonanz mit anderen zu sein, ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, in einer bedrohlichen Situation noch viel mehr. Wenn wir aus dem Miteinander Zuversicht gewinnen, ist das noch besser. Zuversicht ist mehr als naiver Optimismus. Kennen Sie die Geschichte von den Fröschen, die in den Milchtopf gefallen sind? Der erste sagt: "Oh weh, wir werden alle sterben!" und geht unter. Der zweite sagt: "Bestimmt wird uns gleich jemand retten." Aber er geht auch unter. Und der dritte sagt: "So ein Mist! Ich muss mich bewegen!" und fängt an zu strampeln und zu strampeln – bis die Milch zu Butter geworden ist und er aus dem Topf klettern kann.

Die Moral von der Geschichte ist also: Ergib Dich nicht widerstandslos dem, was Dir widerfährt?

Kuchenbauer: Wer zuversichtlich ist, hat Vertrauen, dass es gut geht, aber verlässt sich nicht nur auf den guten Ausgang, sondern wird aktiv. Das ist der dritte Schritt aus der Angst. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. In der Psychologie nennt man das die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Wer handlungsfähig ist, bleibt nicht Opfer, auch wenn Schlimmes passiert ist. Darin zeigt sich dann auch der Sinn der Angst. Es geht ja nicht darum, die Angst zu bekämpfen, denn Angst hat ja einen Grund und Sinn. Angst soll wachsam machen, die Sinne schärfen, ins angemessene rettende Handeln führen. Mit der Angst können wir gemeinsam etwas gegen die Angst tun.

"Für gläubige Menschen ist Gott eine Quelle für eine Zuversicht, die über den Tod hinaus reicht. "

Was können wir aktuell tun?

Kuchenbauer: Vorsorge treffen, gemeinsam demonstrieren, Veranstaltungen besuchen, zum Beispiel Friedensgebete miteinander verbunden sein. Uns besprechen, was wir tun können, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Wir können spenden. Da sein für die, die uns brauchen, und im Miteinander das entdecken, was diese verunsichernde Situation uns nicht nehmen kann. Angst in gutes Tun umwandeln, dazu hilft Zuspruch und Bestärkung. Für gläubige Menschen ist Gott eine Quelle für solchen Zuspruch, für eine Zuversicht, die über den Tod hinaus reicht. Es gibt dazu ja einige bestärkende Bibelverse.

Nennen Sie uns mit Blick auf stärkende Bibelverse Ihre Lieblingsbeispiele?

Kuchenbauer:

  • Was kann man dazu noch sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? (Römer 8,31-39)
     
  • Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. (Jes. 41,10)
     
  • Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Röm. 8:38-39)
     
  • Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jer. 29,11)
     
  • Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes. 40,31)
     
  • Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! (Jes. 35,4)
     
  • Jesus Christus spricht: In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost! Ich habe die Welt überwunden. (Joh. 16,33)
     
  • Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. (1. Joh. 4,18)