Schwerpunktdekanat 2012: Rosenheim

Ökumen. FriedensDekade 2012
Bildrechte: Ökumen. FriedenDekade 2012

 

Predigt des Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm zur Eröffnung der Ökumenischen FriedensDekade am 10.11.2012 in Rosenheim.

 

Predigt zum Abschluss der FriedensDekade in Haag am 21.11.2012

Haag. Heilig-Kreuz-Kirche. 19 Uhr
Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Psalm 85
2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!
6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
11 dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

Mutig zur Menschenwürde

Die Ökumenische FriedensDekade geht heute zu Ende – am Buß- und Bettag. Passend in vielfacher Hinsicht. Denn ohne Selbsterkenntnis kann kein Mensch mit sich und anderen Frieden halten. “Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung” tönten wir als Kinder, wenn eines von uns “mei, bin i bläd” von sich gab. Solch selbstkritischer Anfall ging meist schnell vorüber, wich neuerlich fröhlicher Weltzugewandtheit. Wie kompliziert ist das Leben geworden! Mühsam schleppen sich analytische Prozesse hin, in denen man das Woher und Warum der eigenen Person beleuchtet. Die Versuchung ist groß, sich mit allem Vorfindlichen zu bescheiden – gleich, ob es einen selbst, andere oder gesellschaftliche Zustände anbelangt.

Dabei  stimmt es nach wie vor und oft genug: “Mei, bin i bläd”. Hin und wieder sind es auch Mitmenschen oder besagte Zustände. Der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat diese Einsicht vornehmer gefasst: “Der Mensch trägt eine Sehnsucht in sich, die ihn um ein Unendliches übersteigt.“ In der Sehnsucht steckt entgegen dem Trend zur Selbstaufgabe eine Menge Kraft.  Es drängt einen eben doch, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden, sondern immer wieder mal darüber hinauszugehen. Und wir müssen darüber hinausgehen, uns selbst immer wieder transzendieren. Mutig zur Menschenwürde – das verlangt, dass wir autonome, selbständige Subjekte unseres Denkens, Redens und Handelns sind oder werden.

Aber es heißt keinesfalls, unsere Würde gehört uns so, dass wir darüber wie über einen Besitz verfügen könnten. Auch nicht, dass ein anderer sie verschleudern dürfte. Menschenwürde ist etwas, das mir zukommt ist. Niemand hat über meine Würde zu befinden, nicht in meinem allerwinzigsten Zellstadium, nicht, wenn ich arbeitslos bin oder im Alter dement und gebrechlich werde. Niemand – nicht einmal ich selbst. Die Würde des Menschen ist antastbar, wird manchmal gesagt. Das stimmt, und es stimmt nicht. Die Würde von Menschen wird manchmal mit Füßen getreten, jemand benimmt sich würdelos. Menschen können erniedrigt, gedemütigt, gequält werden – so, dass sie körperlich und seelisch zerstört sind.

Das erfordert schärfste Kritik und Verfolgung solcher Untaten. Ihre eigentliche Würde, ihre Bestimmung kann ihnen dennoch niemand nehmen – sonst könnte man Kinder, Frauen und Männer folgenlos auslöschen. Was keine unverletzliche Würde „besitzt“, hinterließe keine Spuren, keine Trauer, wenn man es, ihn oder sie beseitigt. Gemeinheit, Gewalt und Brutalität werden ja gerade dadurch so eklatant deutlich, weil es eine im Eigentlichen unverletzbare Würde gibt. Denken wir an Gewalt gegen Kinder. Gewalt durch den Vater und Verwandte in den ersten Lebensjahren, später durch andere, eigentlich Vertrauenspersonen. Durch Gewalt in Elends- und Kriegsgebieten.

Die Unsäglichkeit eines solchen Verhaltens und die Würde der Kinder werden dadurch deutlich, dass wir entsetzt sagen: Wie kann man einem Kind, einem Jugendlichen so etwas antun? Die Würde eines jeden Menschen, von der ersten Sekunde seines Lebens an bis zur letzten steht aus christlicher Sicht nicht zur Disposition. Das ist in die Erklärung der Menschenrechte eingegangen, das ist Bestandteil unserer freiheitlich-demokratischen Verfassung. Die Würde des Menschen ist nach unserem Glauben ihm und ihr von Gott zuerkannt. Gott hat die Menschen nach seinem Bilde geschaffen, heißt es am Anfang der Bibel (Genesis 2,27) und zwar als Mann und als Frau.

Lebenssätze

Er hat sie wenig niedriger gemacht als sich selbst, sagt der Beter eines Psalms (Psalm 8). Das sind die Eckdaten unseres Daseins: Mann und Frau, gleich und hoch eingeschätzt, als Partner und Partnerinnen Gottes mit dem Auftrag, ihr Leben in gegenseitigem Respekt gemeinsam in die Hand zu nehmen, für sich und zugleich für andere, die ihnen von ihrer Würde her immer gleich gestellt sind, zu sorgen. Die Zehn Gebote kommen dazu – als Hilfe zur Lebensgestaltung persönlicher, in gesellschaftlicher und ganz globaler Hinsicht. Die Zehn Gebote sind von Gottes leidenschaftlicher Liebe zum Leben regiert. Seine unendliche Liebe ist es, die den klugen Tenor der „Du sollst und sollst nicht-Sätze“ bestimmt.

Alles, was auf das erste Gebot folgt, auf die Präambel sozusagen, erlöst Menschen aus jedweder eigenen und fremden Knechtschaft, hilft ihnen zum Atmen, zum Frei- und Frohsein. Es ist das Fundament, auf dem man stehen kann und den Frieden leben – den Frieden mit sich, in der Familie und Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, mit Flüchtlingen und Migranten, mit Nachbarvölkern. Ich will die Zehn Gebote einmal so durchbuchstabieren, dass wir sehen: Wer sich an ihnen orientiert, wird mutig zur Menschenwürde. Er oder sie hat Freude daran, Achtung vor sich selbst zu zeigen und Respekt vor Menschen, die anders, manchmal so ganz anders sind. Wer die Zehn Gebote zum Maßstab nimmt, kann leben und lässt leben.

  • Gott unangefochten an die erste Stelle setzen, heißt, die Welt und ihre Strukturen nicht zu vergötzen, sich nicht vor ihnen zu demütigen, sondern sie mutig zu gestalten.
  • Seinen Namen nicht missbrauchen, bedeutet, Ehrfurcht vor dem Heiligen zu haben, den Ursprung und das Ziel eines jeden einzelnen Lebens zu achten.
  • Sich kein Bildnis zu machen ist die Ermutigung, Gott, sich selbst und andere nicht fest zu legen, sondern sich geistige Bewegung zu gönnen, damit individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Prozesse möglich sind.
  • Den Feiertag heiligen ist die Chance zur Ruhe zu kommen, zu sich, zu anderen und zu Gott zu finden, ohne sich kaputt arbeiten zu müssen und in der Alltagshektik verloren zu gehen.
  • Eltern achten meint den Respekt vor denen, die uns voran gegangen sind und die wir nicht ohne Schaden für uns selbst als alt und wertlos betrachten.
  • Das Gebot, nicht zu töten erinnert an die Heiligkeit des Lebens und daran, dass man töten kann, auch ohne den Körper zu vernichten: Durch Worte, durch gering- und abschätzige Beurteilungen, durch Marginalisierung, die einzelne und Gruppen an den Rand der Gesellschaft drängt.
  • In diesen Zusammenhang gehört auch das Gebot, nicht zu lügen, sondern die Wahrheit zu sagen und, wie Luther das formuliert hat, „alle Dinge zum Besten kehren“ – wenn Menschen denunziert und durch gemeine, verleumderische Reden bloßgestellt werden.
  • Die Ehe nicht zu brechen beinhaltet das Wissen um Verletzungen und Kränkungen, um Brüche im Leben; Leid und Kummer auch bei den Kindern, die zu Scheidungswaisen werden.
  • Nicht zu stehlen und nicht zu begehren, was andere haben, ist eine Mahnung vor ungebremstem Materialismus und Besitzgier, davor, das eigene Leben dem Haben, statt dem Sein zu widmen.

Reden und handeln

Christen sind nicht naiv, wenn sie klug denken, sachlich argumentieren und zugleich ihre Gefühle sprechen lassen. Gott mutet und traut uns zu, Recht und Unrecht zu unterscheiden, Gerechtigkeit zu tun und ihr Gegenteil kritisch aufzuspüren. Bestünde nicht wenigstens eine Chance, dieser Zumutung entsprechen zu können, würde sie nicht an uns heran getragen werden. Lässt man sich darauf ein, eigene und fremde Wahrheit anzuschauen, ist das anfangs unbequem, es kann einem sogar den Appetit verderben und den Schlaf rauben. Lösungen für unsere Probleme, für die vor Ort und in der Welt sind auch nicht gerade leicht zu haben. Auf Dauer aber bringt die aufrichtige Begegnung mit sich selbst und anderen Freiheit.

Statistisch gesehen scheint es bedeutungslos, wenn einige wenige ihr Leben neu gestalten. Aber welche Bedeutung gewinnt so ein Verhalten in den Augen Gottes und der Mitmenschen! Martin Luther hat gesagt: „Wenn eine Stallmagd glaubt, denn merken es die Kühe“. Auch im kleinsten Bereich hat es Sinn, etwas zu verändern – ein Kuss zwischen Recht und Frieden kann die Welt verwandeln. Unsere Umgebung spürt, wenn wir uns freundlicher, hilfsbereiter verhalten. Wenn jemand sich besieht und mit den Worten des 139. Psalms sagt: „Herr, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“, darf er oder sie in Fortsetzung dieses Psalms dankbar denken: „Herr, du hast auch andere wunderbar gemacht“.

Unseren Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, unser leidenschaftliches Ja zu Gottes Liebe, kann so aussehen, dass wir nicht bewusstlos konsumieren, sondern uns informieren, woher das kommt, was wir da haben möchten, wie und von wem es hergestellt wurde. Es gibt Gütesiegel, die deutlich machen: Hier wird ein fair gehandeltes Produkt verkauft, bei dessen Herstellung achtsam und rücksichtsvoll mit den Arbeitenden umgegangen wird. Es kann einem nicht gleichgültig sein, wenn Kinder in Indien beim Teppichknüpfen oder Steine klopfen für deutsche Grabsteine sich halb tot schuften. Macht es Spaß, mit Fußbällen zu spielen, die in Pakistan von den kleinsten Ebenbildern Gottes produziert werden?

Von Kindern, die wie Sklaven zehn Stunden am Tag arbeiten? Oder an Rosen zu riechen, die in Kolumbien von Arbeiterinnen gepflegt und geschnitten werden, die von den verwendeten Pestiziden eingenebelt und schwer krank werden, früh sterben? Uns ist es selbstverständlich, dass Wasser in unseren Bädern und Küchen fließt – aber einem von drei Menschen auf der Welt fehlt der Zugang zu ausreichendem, sauberen und bezahlbaren Trinkwasser. Es kann uns nicht egal sein, wenn Menschen sterben, weil sie kein frisches Wasser zu sich nehmen können. Es kann uns nicht egal sein, wenn Kinder in Deutschland in Armut leben. Was wir kleinen und großen Geschöpfen Gottes antun, das haben wir ihm selbst angetan.

Tanz durchs Leben

Jesus sagt: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23-24). Versöhnung heißt Frieden schließen, wenn man sich gestritten hat. Versöhnung ist die Arbeit, die man leistet, um gerechte Verhältnisse zu schaffen. Versöhnung ist die folgenreiche Liebe, mit der man andere ansieht, die aus dem Blick geraten waren. Das wird nicht immer gleich gehen. Aber „der Herr selber gibt Gelingen“, heißt es im Psalm. Unsere Lebenschance ist es, zu begreifen, dass wir wahre Menschen sein dürfen – mit Schwächen und mit Gaben.

Mit unseren Gaben zu lieben, zart und zärtlich zu sein, behutsam mit uns selbst und barmherzig mit anderen umzugehen. Wir sind nicht Gott, sondern Mensch. Das ist der Herzenstakt, nach dem unsere Gesellschaft funktionieren könnte. Dieser Herzenstakt lehrt, Menschen zu achten und zu ehren – so, dass Recht und Frieden richtig zu flirten beginnen, bis es schließlich zum Kuss und zur Leidenschaft kommt. Nicht ängstliche Moral soll unsere Triebfeder, die Quelle für Denken, Reden und Handeln sein, sondern die Freude, die Lust zu leben und dieses eine, wunderbare Leben, das uns geschenkt wird, mit anderen gerne zu teilen. Ein Fest des Lebens sollten wir täglich feiern!

“Tanze du immerhin” sagt Martin Luther und “die jungen  Kinder tanzen ja ohne Sünde; das tue auch und werde ein Kind.” Der Tanz, nicht der Marsch, versinnbildlicht seelische und geistige Vorgänge durch Bewegungen des Körpers, durch Gestik und Mimik. Luther hat Buße als Schrittkombination gesehen, als Abfolge von Reue, Bekenntnis und Vergebung. Reue drückt sich in Tränen aus, in gesenktem Kopf, in verschränkten Händen. Bekenntnis dessen, was ein Mensch an sich und  anderen, damit an Gott gesündigt hat, wird  begleitet von niedergeschlagenen Augen  oder einem  Blick, der Halt sucht. Immer verlangt ein Bekenntnis der eigenen Verantwortung und Schuld den  ganzen Mann, die ganze Frau. Es zeigt Haltung.
Vergebung  sind ausgestreckte Hände, Arme, die einen auffangen  und umfangen. Vergebung ist Nähe, ist ein Lächeln  und der  Wille,  den anderen zu suchen und zu finden. Im Kleinen Katechismus steht, dass “der  alte Adam in  uns  durch tägliche Reue und Buße  soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen  und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich  lebe.” Könnte nicht solche Buße ein Tanz durchs Leben sein… Ein Tanz, der nicht leicht-fertige  Mode ist, sondern einer, der manchmal schwer oder voller Tragik und Melancholie daherkommt und lutherisch spüren lässt: “Trübsal und Kreuz sind uns so not wie das Leben  selbst”.  

Ein andermal dafür springlebendig, voller Lust daran, vorwärts zu kommen und Altes hinter sich lassen, mit sich und anderen, mit Gott ins reine kommen zu dürfen. “Wie stark wir glauben, so stark müssen wir uns auch notwendig freuen” meint Luther. Buße als eingeübter Standardtanz oder fulminant-leidenschaftliche Bewegung  durchs Leben – als einsames Solo, als Pas de deux dialogisch angelegt  oder als  Gesellschaftstanz, ein Versuch von lauter Individuen, gemeinsam Tritt zu fassen und eine friedfertige, geschlossene  Formation zu  bilden… Buße macht es möglich, dass wir Frieden finden. Sie verleiht dem Leben Rhythmus und Takt, Tempo  und Maß – auf dass es ein menschenwürdiges sei.

Amen.